Olympia 2026: Auftakt in Italien – und wo steht Deutschland?
Redaktion / 01.02.2026
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Noch wenige Tage, dann beginnen die Olympischen Winterspiele 2026. Vom 6. bis 22. Februar wird die Region Milano Cortina zum Zentrum des internationalen Wintersports. Italienisches Lebensgefühl trifft auf sportliche Höchstleistung, Dolce Vita auf intensive Wettkampfvorbereitung.
Und mittendrin: Deutschland. Mit ordentlich Material, vielen Hoffnungen und einer Frage, die man früher nie stellen musste: Wie gut sind wir eigentlich wirklich?
Denn Deutschland reist nicht mehr als Wintersport-Dampflok an, die alles plattwalzt, was auf Kufen, Brettern oder Kanten unterwegs ist. Die Zeiten, in denen man den Medaillenspiegel schon vor der Eröffnungsfeier grob ausfüllen konnte, sind vorbei. Heute ist mehr Spannung drin. Leider nicht immer die gute.
Die verlässlichen Disziplinen
Fangen wir bei den letzten sicheren Banken an: Bob und Rodeln. Wenn irgendwo „Made in Germany“ noch wie ein Gütesiegel klingt, dann hier. Francesco Friedrich ist quasi der TÜV-geprüfte Olympiasieger unter den Bobfahrern. Steigt er ein, läuft der Motor. Mehrfacher Olympiasieger, Weltcupsieger im Abo, ein Mann, der selbst bei Glatteis noch die Kontrolle behält – im wahrsten Sinne des Wortes. Johannes Lochner fährt etwas leiser, aber nicht weniger gefährlich. Im Rodeln tragen Max Langenhan und Julia Taubitz die Hoffnungen. Beide wissen, wie man mit Druck umgeht. Aber selbst hier gilt: Die Konkurrenz rückt näher. Die USA basteln am Material, die Briten rechnen alles durch, Italien nutzt den Heimvorteil. Tradition allein bringt keine Hundertstel mehr.
Zwischen Anspruch und Realität
Der Biathlonwar früher das emotionale Wohnzimmer der Nation. Sonntag, ARD, Kaffee, Puls 180 beim Stehendschießen. Namen wie Laura Dahlmeier, Magdalena Neuner oder Arnd Peiffer reichten aus, um Medaillenfantasien auszulösen. Heute ist das Wohnzimmer renoviert, aber der Fernseher flackert manchmal. Johannes Kühn läuft wie ein ICE, schießt aber gelegentlich wie der Regionalexpress mit Verspätung. Roman Rees ist solide wie ein Mittelklassewagen: bringt dich ans Ziel, aber selten aufs Podium. Bei den Frauen überzeugt Vanessa Voigt mit Beständigkeit. Sie schießt zuverlässig, fällt kaum aus, gewinnt aber selten spektakulär. Biathlon ist für Deutschland nicht schlechter geworden, aber komplizierter. Früher hieß es: Wer startet, kann gewinnen. Heute heißt es öfter: Wenn alles passt.
Im Eisschnelllauf merkt man besonders deutlich, dass Zeit nicht nur auf der Uhr vergeht, sondern auch im System. Die Ära Claudia Pechstein ist Geschichte und mit ihr das Gefühl, dass Deutschland automatisch um Gold fährt. Patrick Beckert, Felix Rijhnen und Michelle Uhrig bringen Qualität mit, keine Frage. Aber im Vergleich zu den Niederlanden, die gefühlt mehr Weltklassefahrer haben als Deutschland Schlittschuhe, wirkt vieles fragil. Hier geht es nicht um Talent, sondern um Konstanz. Und Konstanz ist bei Olympia ungefähr so wichtig wie Kufen beim Rodeln.
Ohne Aufmerksamkeit kein Nachwuchs
Der alpine Skisport bleibt die Baustelle mit Warnblinklicht. Lena Dürr kann an perfekten Tagen Slaloms gewinnen, Alexander Schmid hat mit seinem WM-Gold bewiesen, dass auch deutsche Skifahrer überraschen können. Aber Überraschungen sind kein Plan. Österreich, die Schweiz und Norwegen reisen mit Mannschaften an, Deutschland eher mit Hoffnung. Und Hoffnung ist im alpinen Skisport selten ein stabiles Bindungssystem.
Das größte Problem liegt aber nicht auf Eis oder Schnee, sondern darunter. Der deutsche Wintersport hat ein Sichtbarkeitsproblem. Früher waren Wintersportler Helden, heute sind sie oft Quizfragen. Weniger Aufmerksamkeit bedeutet weniger Nachwuchs. Weniger Nachwuchs bedeutet weniger Konkurrenz. Andere Nationen investieren aggressiver, erzählen ihre Geschichten lauter, bauen ihre Athleten früher zu Stars auf. Deutschland arbeitet sauber, seriös und nachhaltig, manchmal aber auch so leise, dass man es kaum hört.
Was in Milano Cortina wirklich zählt
Milano Cortina wird deshalb kein nostalgischer Winterurlaub, sondern eine Standortbestimmung mit italienischer Kulisse. Deutschland wird Medaillen holen, keine Frage. Aber die große Dominanz von früher bleibt im Archiv. Wenn am 6. Februar 2026 das olympische Feuer entzündet wird, zählen keine Konzepte, keine Erklärungen, keine „Wenn-dann“-Sätze. Olympia ist brutal ehrlich. Es kennt keine Fußnoten.
Vielleicht liegt genau darin die Chance. Weniger Erwartung, mehr Überraschung. Weniger Pflicht, mehr Möglichkeit. Und vielleicht klappt es ja doch: ein paar goldene Momente, ein paar Gänsehaut Szenen und am Ende die Erkenntnis, dass Wintersport auch ohne Garantie spannend sein kann. Italien liefert die Bühne. Deutschland liefert die Athleten. Und Olympia liefert (wie immer) die Wahrheit.
Sport besteht aus Entscheidungen. Manche werden werden bei den Olympischen Spielen getroffen, andere bei uns!