Wenn das Stadion grün sein soll – und keiner so genau weiß, was das eigentlich heißt

Es ist wieder passiert. Die Weltmeisterschaft wurde ausgelost. Und wie immer saßen wir alle davor, mit Kaffee, mit Bier oder mit leicht hochgezogener Augenbraue. Denn diese WM-Auslosung war vieles: groß, größer, am größten. Ein Event, das sich selbst wichtiger genommen hat als so manches Vorrundenspiel früherer Weltmeisterschaften. Willkommen in der neuen FIFA-Welt: 48 Teams, 48 Träume und gefühlt 480 Programmpunkte.
Fangen wir mit der guten Seite an. Ja, die gibt es. Und die ist sogar ziemlich schön. Haiti. Curaçao. Panama. Länder, die früher maximal in Panini-Alben auftauchten, dürfen jetzt ganz offiziell WM-Luft schnuppern. Für diese Nationen ist die WM nicht nur ein Turnier, sondern ein Feiertag auf vier Wochen gestreckt. Kinder rennen mit Nationaltrikots durch die Straßen, Kommentatoren lernen neue Namen und der Fußball beweist wieder einmal, dass er mehr ist als nur Champions League am Dienstagabend.
Genau das wollte die FIFA ja: den Fußball globaler machen. Mehr Teilhabe, mehr Emotionen, mehr Geschichten. Und seien wir ehrlich: Wenn Deutschland gegen Curaçao spielt, dann ist das für Curaçao ein Jahrhundertspiel und für uns eine dieser Begegnungen, bei denen man lernt, wo die Insel eigentlich genau liegt. Romantisch? Ja. Fußball pur? Auch.
Aber und jetzt kommt das große ABER, das so groß ist wie das Auslosungs-Setting selbst: Während Haiti feiern darf, sitzt Italien auf der Couch. Schon wieder. Vierfacher Weltmeister, Fußballadel, Pasta al dente und trotzdem nur Playoffs. Das ist in etwa so, als müsste Roger Federer zur Clubmeisterschaft, um sich für Wimbledon zu qualifizieren. Irgendwas passt da nicht ganz zusammen.
Natürlich kann man sagen: Selbst schuld, Italien. Quali ist Quali. Punkte zählen, nicht Namen. Stimmt alles. Und trotzdem bleibt dieses komische Gefühl, dass ein Turnier mit 48 Mannschaften offenbar Platz für alles hat, nur nicht automatisch für große Fußballnationen mit Historie. Mehr Teilnehmer, aber nicht zwingend mehr Qualität. Das ist die Kehrseite der Medaille, die man nicht wegmoderieren kann, egal wie viele Lichter man auf die Bühne stellt.
Apropos Bühne. Diese Auslosung war kein Event, sie war ein Festival. Ein bisschen Fußball, sehr viel Pathos, dazwischen Reden, Clips, Ehrungen, Applaus auf Kommando. Man hatte zeitweise das Gefühl, die Kugeln hätten sich selbst gezogen, während im Hintergrund noch jemand eine PowerPoint über Weltfrieden vorbereitet.
Und dann kam er: Donald Trump. Friedenspreis. An dieser Stelle musste ich kurz prüfen, ob ich versehentlich auf Satire-TV gelandet bin. Die Reaktionen weltweit waren entsprechend, irgendwo zwischen ungläubigem Kopfschütteln und kollektiver Fremdscham. Man kann politisch denken, wie man will, aber einen Friedenspreis bei einer Fußball-WM-Auslosung zu verleihen, ist ungefähr so passend wie eine VAR-Entscheidung aus dem Jahr 2010. Es wirkte deplatziert, aufgeblasen und ehrlich gesagt: komplett unnötig.
Genau das ist das Problem dieser Veranstaltung gewesen. Zu viel von allem. Zu viele Botschaften, zu viele Showelemente, zu viel Selbstinszenierung. Der Fußball rückte phasenweise in den Hintergrund und das bei einer WM-Auslosung! Dabei wollen wir doch genau das sehen: Kugeln, Gruppen, Spannung. Kein Broadway, kein Polit-Talk, kein globales Selbstlob.
Und trotzdem – das gehört zur Wahrheit dazu – die WM bleibt die WM. Egal ob 32 oder 48 Teams. Wenn der Ball rollt, wenn Hymnen gespielt werden, wenn David gegen Goliath antritt, dann sind wir alle wieder dabei. Dann diskutieren wir nicht mehr über Bühnenbilder, sondern über Viererkette oder Dreierkette. Dann interessiert uns nicht der Friedenspreis, sondern die Nachspielzeit.
Vielleicht ist genau das die Essenz dieser WM-Auslosung: Sie zeigt, wo der moderne Fußball steht. Zwischen Wachstum und Größenwahn; zwischen echter globaler Chance und künstlicher Aufblähung; zwischen Haiti-Traum und Italien-Frust.
Und wir? Wir sitzen dazwischen, lachen, kritisieren, freuen uns und wissen ganz genau: Wenn die WM startet, sind wir wieder Feuer und Flamme. Trotz allem.
Willkommen zur größten WM aller Zeiten. Hoffentlich wird sie nicht nur die längste, sondern auch eine gute.
Sport besteht aus Entscheidungen. Manche werden im Stadion getroffen, andere bei uns!
Bleibe auf dem Laufenden mit den neuesten Updates aus der Welt des Glücksspiels.
ABONNIEREN