Wenn das Stadion grün sein soll – und keiner so genau weiß, was das eigentlich heißt
Redaktion / 30.11.2025
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Nachhaltigkeit im Sport hat es nicht leicht. Für die einen ist sie die große Hoffnung, für die anderen der nächste Marketing-Trend mit Öko-Aufdruck. Und irgendwo dazwischen stehen Vereine, Kommunen, Fans und Sponsoren und fragen sich: Meinen wir das jetzt ernst – oder reicht es, wenn es gut aussieht?
Denn Fakt ist: Kaum ein Stadionprojekt, kaum ein Event, kaum eine Saisoneröffnung kommt heute ohne das Wort „nachhaltig“ aus. Es steht in Präsentationen, auf Bannern und in Pressemitteilungen. Nachhaltig bauen; Nachhaltig handeln; Nachhaltig denken. Klingt alles sinnvoll. Und ist es im Kern auch. Zumindest theoretisch.
Praktisch sieht es oft so aus: Auf dem Stadiondach glänzen Solarpanels, im Keller arbeitet eine Heizungsanlage, die den Mauerfall noch miterlebt hat. Das neue LED-Flutlicht spart Energie, während gleichzeitig die VIP-Logen rund um die Uhr klimatisiert werden, damit der Champagner die richtige Temperatur hat. Nachhaltigkeit eben – mit Ausnahmen.
Man darf das aber auch nicht zu leicht abtun. Denn ja, Nachhaltigkeit kann funktionieren. Moderne Technologien senken tatsächlich langfristig Kosten. Energiesparende Beleuchtung, intelligente Stromsteuerung, Regenwassernutzung – all das ist keine Fantasie, sondern Realität in vielen Stadien. Vereine, die das konsequent umsetzen, sind unabhängiger von Energiepreisschwankungen und schaffen sich ein Stück Sicherheit. Das ist weder romantisch noch ideologisch, sondern schlicht klug.
Wenn gute Ideen auf harte Realität treffen
Das Problem entsteht meist dort, wo Nachhaltigkeit größer gedacht wird als sie wirtschaftlich getragen werden kann. Stadienneubauten werden als „Investition in die Zukunft“ verkauft, kosten aber Summen, bei denen selbst der Steuerzahler kurz schluckt. Und während man offen über CO₂-Einsparungen spricht, redet man eher leise über Kredite, Rückstellungen und langfristige finanzielle Verpflichtungen. Nachhaltig ist dann vor allem die Laufzeit der Schulden.
Ganz ähnlich beim Thema Abbruch und Neubau. Heute wird viel recycelt, Materialien werden getrennt, Beton aufbereitet, Stahl wiederverwendet. Das ist gut und wichtig. Gleichzeitig stehen große Maschinen auf der Fläche, verbrennen Diesel, transportieren Tonnen von Material quer durchs Land. Kann man machen. Kann man aber auch hinterfragen. Vielleicht müsste nicht jedes Stadion komplett verschwinden, nur weil es nicht mehr hip genug ist. Manchmal wäre Umbauen nachhaltiger als neu bauen – aber nicht immer spektakulärer.
Zwischen Bühne, Fans und Verantwortung
Auch bei Großveranstaltungen zeigt sich dieses Spannungsfeld. Mega-Events bringen Aufmerksamkeit, Emotionen und wirtschaftliche Impulse. Hotels sind voll, Städte im Ausnahmezustand, der Sport im Mittelpunkt. Gleichzeitig verursachen sie immense Kosten und einen ökologischen Fußabdruck, der sich nicht mal eben mit ein paar Ausgleichszahlungen glattbügeln lässt. Die einen sagen: Ohne solche Events fehlt dem Sport die große Bühne. Die anderen fragen: Wie groß muss diese Bühne eigentlich immer sein?
Und dann sind da noch die Fans. Viele finden Nachhaltigkeit gut – solange sie nichts verändern müssen. Mehrwegbecher sind okay, solange sie nicht teurer sind. ÖPNV statt Auto klingt super, solange der Bus auch nach dem Spiel noch fährt. Nachhaltigkeit endet oft da, wo Bequemlichkeit beginnt. Auch das gehört zur Wahrheit.
Auf der anderen Seite haben Vereine eine enorme Chance. Sie erreichen Menschen, emotional und regelmäßig. Wenn ein Klub Dinge vormacht, wirken sie. Regionale Partner, kurze Wege, durchdachte Mobilitätskonzepte, ehrliche Kommunikation – das alles kann Nachhaltigkeit greifbar machen, ohne belehrend zu wirken. Und manchmal reicht schon weniger Perfektion und mehr Ehrlichkeit.
Vielleicht ist genau das der Schlüssel: Nachhaltigkeit nicht als Ziel zu verkaufen, das man erreicht, sondern als Weg, auf dem man unterwegs ist. Mit Umwegen, mit Fehlern, mit Fortschritten. Nicht alles ist sofort gut. Nicht alles ist automatisch schlecht. Und nicht jedes Stadion muss die Welt retten.
Am Ende bleibt die Entscheidung beim Betrachter – und beim Leser. Ist Nachhaltigkeit im Sport ein echter Fortschritt oder oft nur ein gut verpackter Kompromiss? Wahrscheinlich beides. Und vielleicht ist genau das auch okay.